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Tuesday
Feb032009

Ich bin dann mal weg

Seit Wochen arbeiten wir wie Schweine bei uns im Büro. Der Website-Relaunch von argonaut.de, neue Produkte für den Sommer, die Frühbucher-Saison für den Sommer und Reorganisation im Büro einschliesslich der Personalprobleme haben dazu beigetragen, dass wir seit Anfang Dezember 8 x fast 24/7-Wochen mit 12 Stunden täglich schufteten. Die Arbeit hat zwar Spass gemacht, aber ehrlich gesagt, es war nur eine Frage der Zeit, dass ich mal aufbreche. 

Letztes Wochenende war es soweit.

Donnerstag

Als ich am Donnerstag die Wettervorhersage für das Wochenende im südlichen Ländle las, sah ich, dass ich, mit etwas Glück, ein perfektes Wochenende in der südlichen Hälfte von Rheinland-Pfalz verbringen könnte. Zwar waren für diese Region Temperaturen weit unter Null angesagt, allerdings auch viel Sonnenschein, was in Bikersprache griffige Trails ohne Matsch heisst. Anschliessend wollte ich meinen Abenteuerkumpel Nr. 1, Mr Sunday, anrufen, um zu fragen, ob er bereit wäre, mich bei der Reise nach dem roten Dirt (so ist der Boden dort) zu begleiten. Aus dem Westen Düsseldorfs kommend, führte mein Weg über die A61 Richtung Koblenz und um die A1 zu erreichen, fahre ich die A1 via Köln-Nord, wo mein Trailblazerkumpel wohnt.

Kurz bevor ich ans Telefon gegriffen habe, schaute ich kurz bei uns ins Community-Forum und sah im Last-Minute-Biking (Internet-Treffpunkt für lokale Biker auf mtb-news.de), dass Herr Sonntag selbst eine Herrenrunde am Sonntag durch das Bergische anbot, für die sich einige kräftige, speedy Jungs angemeldet hatten.

Ich dachte zuerst ans Mitfahren, aber dann: Erstens, es war die von mir so geliebte Dhünntalsperre zum 87. Mal, zweitens mit so genannten NPNP-Guys (No-Picture-No-Pause) in Lycra-Fetisch, die nur mit wenig Wasser, Nahrung und Bekleidung anreisen, damit sie schnell wieder zuhause sind. Auch wenn ich gänzlich fit wäre, was ich zur Zeit nicht bin (bastle kräftig am “Aufbauen”), wäre ich der falsche Biker-Typ für diese geballte Oberschenkelvereinigung.

Somit war es entschieden: Die Reise sollte mit der Beteiligung von 4 Personen stattfinden, die sowieso niemals Nein sagen können: Ich, Mr Mikkael, halb Finne, halb Türke, hauptberuflich Abenteurer, Mr Peter Förster (so heisst unser Wohnmobil, lange Geschichte), mein Lieblingsgefährt Mr Gary Fisher (er ist zwar der Erfinder des Mountainbikes, aber auch mein Bike aus Wisconsin heisst so) und schliesslich Mr Anthony Kiedis (der Sänger von Red Hot Chili Peppers), der mich virtuell und seelisch bei den langen, einsamen Anstiegen unterstützen sollte. 

Nach der offiziell eingeholten Genehmigung von der Chefin, die einzige Person, die zwar Nein sagen könnte aber doch nicht sagte, habe ich superschnell meine 7 Sachen und alle meiner iGadgets von Apple ins Peter Förster gestellt und die bereits heruntergeladenen GPS-Tracks zweier vielversprechender Routen für Tagestouren auf mein Garmin eTrex übertragen. Peter Förster, der schon einmal die Welt umgerundet hatte, ist eigentlich stets fahrbereit. Kühlschrank ist voll, Wasser ist drin, Gasflaschen sind 100% und auch alles andere für das Leben in der Wildnis ist eingepackt. So sind wir halt: Niemals  zögern, wenn das Abenteuer ruft.

Samstag

Um 6 Uhr fuhr ich los. Nach zahlreichen Kaffeepausen und 4,5 Stunden war ich fast am Ziel. Es war eine angenehme Fahrt, weil auf der Autobahn alle möchte-gern BMW-Fahrer, leider frustrierend im Skoda Octavia rasend, zuhause geblieben waren; und auf der Landstraße alle möchte-gern Geländewagen-Enthusiasten, leider in koreanischen Hyundais gefangen, zu dieser Uhrzeit noch keine arme, unschuldige Frauen drangsalierten, die sich brav an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hielten.

Oh, Peter Förster fuhr wie Butter, während ich schon wieder Pink Floyd chronologisch von 1972 bis 1975 aufgearbeitet habe.

Kurz vor Schluss hat mich meine Vergangenheit eingeholt. Nein, nein, es war doch nicht das Porschloch im Cayenne, das mich auf der Landstrasse mit 140 km/h überholte, es war die südliche Weinstrasse, kurz SÜW.

Ich fuhr durch die Stadt Annweiler am Trifels, wo ich als 18-jähriger ein Jahr lang ins Internat ging. Mein Gott, was hatten wir damals für blödsinnige Prioritäten in unserem Leben, wodurch wir die Schönheit dieser ganzen Region zu Gunsten von Alkohol, Mädels und 1. FCK gänzlich ignoriert haben.

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, mich auf keinen Fall zeitlich unter Druck zu setzen, musste ich aufgrund der vorangeschrittenen Uhrzeit nun etwas schneller fertig werden. Die erste Tour war 55 km mit 1400 Höhenmetern und der Sonnenuntergang war für 17.20 terminiert. Meine letzte 1000+ HM Tour liegt eine lange Weile zurück, da ich sowieso seit einem Jahr wegen der exzessiven Arbeit wenig fahre, aber auch aufgrund der Knie-OP im letzten Oktober seit fast 4 Monaten kaum trainiert habe. Radsportler wissen, dass man fast ein ganzes Jahr trainieren muss, um die verlorenen vier Monate aufzuholen. Aber ich bin bekanntlich keine Memme, wahrlich nicht. 

Und: Ich fahre langsam aber sicher bergauf, ausschliesslich, um die darauf folgende Abfahrt zu geniessen. Egal wie hoch, dabei sind alle Klugscheisser-Höhenmeter-Instrumente überflüssig. Einzig was zählt ist Kyuss mit Gardenia, oder Neil Young mit Cortez The Killer.

Ein Wort zu den GPS-Tracks. Ich hatte ein gutes Gefühl. Diese habe ich von einem Insiderblog heruntergeladen, den ich seit geraumer Zeit verfolge und ich wusste, wie die Surfer sagen, dass der Blogger ein Soulsurfer war, nämlich ein hardcore Abenteuer-Biker. Daher habe ich nicht einmal eine Wanderkarte mitgenommen. Und weil ich nur Topo Deutschland-Nord besitze, war alles Topografische südlich von Frankfurt nicht einmal auf meinem eTrex drauf. Ich habe lediglich ein paar Ausschnitte aus den MagicMaps ausgedruckt und diese in den Bike-Rucksack gesteckt.

Pfälzer-Biker sind verwöhnte Arschlöcher und das ist sehr gut so. Die schuften nicht die Forstautobahnen hoch, um diese, wie oft bei uns, "herunterzudüsen". Die sind sehr wählerisch, was Abfahrten angeht. Alles über 21 cm Breite wird gnadenlos aus der Karte gestrichen. Ich muss auch sagen, aus eigener Erfahrung, dass auch die Pfälzer Wanderer sehr naturbewusst, sensibel und, wenn es sein muss, kämpferisch sind.

Kenner wissen: Es gibt eine Geschichte über einen Wanderweg F rund um Rodalben, der mittlerweile zu Recht für Mountainbiker gesperrt ist. Dies ist eine Geschichte über eine Auseinandersetzung zwischen Bikern und Wanderern, aber auch eine Geschichte darüber, wie durch einen Hype Unruhe im Wald herrscht. Ich bin diesen Weg einmal gefahren, allerdings unter anderen Voraussetzungen. Heute, nach zahlreichen Kilometern, die ich in dieser Mountainbiker respektierenden und fördernden Region absolviert habe, weiss ich eines ganz genau, dass es hier solch schöne Trails gibt, dass diese Auseinandersetzung so was von überflüssig ist, wie es überhaupt nur sein kann. Tja, man lernt nie aus.

Zurück zu den Pfälzer-Bikern: Sie haben den roten Dreck, wie ich den Terracotta-Boden nenne, wahrlich im Blut! Hoffend, aber auch in gewisser Weise deshalb ahnend, was mich im “Red Planet” so erwartet, habe ich die ersten Anstiege angetreten. Ohne Frage, die folgenden 50+ Kilometer haben alles meinen noch unreifen Beinen abverlangt, aber es war eine Traumrunde für mein neues Jahr. Knallharte Anstiege wurden mit traumhaften Aussichten belohnt, das Bergaufrollen mit knackigen Downhills

Samstag Abend als ich mich völlig erschöpft zum letzten Mal zurück ins Tal geschleudert habe, hatte ich ein, für meine Umgebung völlig unverständliches Lächeln im Gesicht, das ich auch nach zigtausend Bergabfahrten rund um die Welt selten so drauf hatte. Es war ein Traumtag für einen “Soulbiker” wie mich.

Der Blick auf die Uhr verriet schnell, dass mein Kohlenhydratspeicher dringend wieder gefüllt werden musste, um die verbratenen 5000 kcal zu kompensieren. Die noch härtere Fortsetzung des Rauf-und-Runter-Spiels würde ja schon am nächsten Morgen folgen. Schnell zu Edeka, schnell eingekauft und schnell zum Camping am Weiher. Dahn ist soweiso nicht bekannt für exorbitante Parties.

Es überraschte mich nicht, dass ich dort der einzige Camper war, denn üblicherweise werden solche Typen wie ich, die im Januar bei -5°C mitten in der Wildnis übernachten wollen, für nicht dicht gehalten. Direkt am Weiher nebenan gelegen, war der Campingplatz ein Traum! Als bevorzugte Gast bekam ich unverzüglich Strom und freie Platzwahl, Seeblick sogar ohne Aufpreis!

Der immense Vorteil solcher frostigen Temperaturen für die Biker ist, dass man nach so einer langen Tour das Bike nicht mehr sauber machen muss. Anders als sonst, nach 6 Stunden Fahrerei bis zur Unkenntlichkeit mit dem Matsch vereint, war mein Hifi Pro diesmal picco bello! Lediglich da und dort der “red dirt”, die Unterschrift der Region, auf die ich stolz war.

Zur Feier des Tages stand der Kinofilm “Pride and Glory”, den ich tag zuvor von iTunes heruntergeladen hatte, noch auf dem Programm. Nach 2 Lachs-Sandwiches kombiniert mit Lindt’s Grantenapfel-Chili-Bitter-Mischung, habe ich zuerst meine aufgenommene Taten auf dem Trail bewundert, anschliessend Gavin O'Connor’s Polizeidrama mit Edward Norton und Colin Farrell. Norton ist einfach ein super Schauspieler.

Zum Schluss, als die letzten Lichter drum herum ausgingen, ging ich raus, die paar Schritte vom Wohnmobil bis hin zum vollständig gefrorenen See. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, daher keine Sterne, aber umso dunkler. Eine viertel Stunde bei -5°C draussen, proudly presented by Barolo. Feierabend.

Sonntag

Das besondere an einem Sonntag-Morgen ist, wenn man den Mut aufbringt, früh aufzustehen, damit man eine ganze Weile alleine rumtoben kann. So war es bei mir. Schon um 8.30 Uhr war ich, längst gefrühstückt, zweckmäßig angezogen und in Begleitung von Gary, oben beim Teufelstisch; nach Betze dem 2. Wahrzeichen der Region. Während mein D-300 seine Vorteile beim Low-Light eindruckvoll demonstrierte, blickte ich etwas sorgenvoll in den Himmel. Die bestellte Sonne wollte nicht erscheinen, schlimmer noch, es roch nach Schnee.

Nach einer Stunde verliess ich Hinterweidenthal in Richtung Münchweiler an der Rodalb, zum nächsten Trailhead. Unterwegs schnell einen Kaffee besorgt, bin ich kurz nach 10 Uhr voll munter vor der Stadthalle aufgeschlagen. Kein Mensch weit und breit. Lecker!

Vorgewarnt vom Vortag, habe ich extra Kälteschutz eingepackt und mich dicker angezogen. Es standen 63 km und 1600 Höhenmeter auf dem Programm, lange Anstiege und eventuell Schnee. Dann war es so weit. Gary und ich, wir fanden, nach 2-3 Fehlversuchen, die richtige Strasse nach oben.

Der grosse Nachteil bei Garmins GPS-Routenführung ist, dass die Richtung auf dem Display erst nach einer bestimmten erreichten Geschwindigkeit richtig angezeigt wird. Also bei meinen schildkrötenhaften Vorwärtsbewegungen bei den Anstiegen hat mich das Gerät gar nicht ernst genommen. Zeitweise waren die Wegpunkte, auch bei angepasster Skalierung, in falscher Richtung angezeigt. Bei einem komplizierten Netz von mehreren Wanderwegen kann dies schnell zu Komplikationen führen, die in fehlerhafter Navigation resultieren könnte. Und solche Fehler zu korrigieren, kann bei grösseren Höhenunterschieden ziemlich schmerzhaft sein. So war es auch bei mir, als ich eine falsche Abfahrt nahm.

Wie ich sagte, ich quäle mich hoch, ausschliesslich des Downhills wegen. So stur wie ich bin, lief ich den ganzen Berg wieder hoch, um aus mickrigen Hinweisen im Wald den richtigen Pfad zu finden. Was für eine Belohnung! Wann hatte ich zuletzt so viele hart erarbeitete Höhenmeter in so einem Rausch wohlwollend vernichten dürfen? Eine Singletrail-Abfahrt nach der anderen. So akribisch die Arbeit, im Laub verdeckte Startpunkte zu finden, auch war, umso belohnender war anschliessend die Abfahrt selbst. Mit der erscheinenden Sonne war das Bikerglück perfekt.

Nach 3-4 langen, qualvollen Anstiegen, habe ich insgesamt etwa 1200 Höhenmeter auf ausschliesslich Singletrail-Abfahrten zunichte gemacht. Ich wiederhole mich gern: Die Pfälzer-Biker vergeuden wirklich keinen einzigen Meter bergab auf breiten Wegen. Oh, die touristischen Sehenswürdigkeiten wie Burgruinen, Türme und Lektüre über die zahlreichen Vogelarten? Dafür sind die Kollegen aus der Wanderabteilung zuständig, schliesslich ist dies hier kein Reiseführer mit Weinempfehlung. Oder schaue ich aus wie ein vollbärtiger Gymnasiumlehrer, stolzer Besitzer eines gelb-roten“Anti-Atomkraft-Aufkleber” auf der Hinterscheibe seines roten 88er Passats, der um 13 Uhr Feierabend macht und noch über die mangelnde Freizeit beklagt?

Ab etwa 15 Uhr war dann Schluss mit der Sonne. Bedauerlich. Der immer stärker werdende Wind und der Schnee haben gemeinsam das Geschehen übernommen. Angesichts des völlig zugefrorenen Camelbaks, gefühlloser Zehen, erhöhten Schneeaufkommens und mangelnden Zuschaueraufkommens, entschied ich, die Tour, nach etwa 1200 Höhenmetern (schreibt ihr immer noch auf?) nicht in vollem Umfang zu fahren. Dabei musste ich unbedingt einen Grund hinterlassen, bald wieder hierher zu kommen und das “unfinished business” zu erledigen. Mit der Unterstützung des GPS-Geräts, nahm ich einen der zahlreichen Wanderwege, der mich über einen kurzen Umweg durch den Wald wieder zurück nach Münchweiler brachte. Peter Förster wartete auf mich.

Das Abendprogramm war ähnlich wie am Abend zuvor. Gelassene Unterhaltung beim Campingbesitzer, der mich zu einem Bier einlud und mir dabei die lustigsten Geschichten erzählte, und anschliessend grosses Kino im Peter Förster: “Downhills des Tages”, starring Mikkael, auf dem MacBook. Der Himmel war wieder klar, Sterne machten den geruhsamen Abend am See perfekt!

Nach zwei Tagen machen sich die Strapazen der langen Touren schon bemerkbar. Aber unter uns, was spielt das für eine Rolle, wenn man eines der schönsten Weekends hinter sich hat, das man sich als Mountainbiker überhaupt vorstellen kann?

 

Material (Weitere werden folgen) 

Bemerkung:

Ich hinterlege bewusst keine GPS-Daten oder weiterführende Links. Frag mich nicht warum, aus purem Egoismus, glaube ich.

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